Between The Lines Fanzine

Germany
Date: 2015-11-08

So. Da sind wir jetzt mit Human Touch. Für viele vermutlich noch ein unbekannter Name. Klingt halt auch erst mal nicht nach Hardcore, sondern eher nach einem Song von Bruce Springsteen. Aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Viele der Jungs sind schon fast „alte Hasen“ und kennen sich mit der Szene und dem was sie tun bestens aus, da alle Mitglieder, bis auf den neuen Drummer Philipp, zuvor mit The Haverbrook Disaster, gut rum gekommen sind. Auch Philipp, der seit diesem Jahr dabei ist, ist kein unbeschriebenes Blatt und spielte zuvor bei DONE, die sich leider kurz nach ihrer mega Platte “A War Between Heart And Mind” aufgelöst haben. Back to topic. Da Phil sozusagen meine bessere Hälfte ist und ich durch seine neue Rolle als Trommelpeter der Band schon relativ viel über die Jungs selbst weiß, habe ich mich jetzt mit Andy, dem Sänger, zusammengesetzt, um auch euch die Band ein wenig vorzustellen und ihm eventuell das ein oder andere zur kommenden LP “Mental Chill” zu entlocken.
Gude Andy, ich lasse jetzt mal das Formale weg, wir kennen uns ja schon. Stellt euch doch mal kurz für alle vor – wer seid ihr, wer macht was und vor allem wie würdest du den aktuellen Sound der Band beschreiben? Mit eurer bereits erschienenen Ep „True Justice“ habt ihr uns ja schon einen kleinen Vorgeschmack gegeben, jedoch ist der neueste Song „ Virtues & Vices“ definitiv härter und enthält weniger „Sing Sang“ Parts. Gefällt mir persönlich besser. Worauf dürfen wir uns mit der neuen Platte freuen?

Andy: Wir sind Human Touch, eine Hardcore Band mit Mitgliedern, die zwischen Wiesbaden und Karlsruhe verteilt wohnen. Homebase ist mittlerweile Mannheim, da wir dort im Juz auch proben. Unser Sound ist irgendwas zwischen dem Crossover Hardcore der ersten beiden Leeway Alben und der oft verschmähten “Suffer Survive” Platte von No Warning. Mit der ersten Demo EP “True Justice” haben wir die musikalischen Grenzen noch etwas ausgetestet, um dann beim Debüt Album “Mental Chill” zu wissen in welchem engeren Rahmen wir uns bewegen wollen. Im Gegensatz zur Demo EP ist das Album definitiv etwas rougher und wütender, sowohl von den Songs als auch vom Sound. Ich denke, wer auf die aktuell wieder recht populäre Strömung steht, dass Bands etwas Gesang über ein hartes Riff packen, dem könnte “Mental Chill” gefallen.

Wie kamt ihr nach „True Justice“ zu „Mental Chill“, steht hinter dem Namen und der Kombi mit dem Artwork eine Aussage?

Andy: Definitiv. Mental Chill bedeutet übersetzt mentales Frostgefühl. Ein Ausdruck, der für die Teilnahmslosigkeit und Ignoranz in den Köpfen der Menschheit steht. Missstände werden ignoriert und Umstände abgewunken. Sei es verschwenderischer Materialismus, blindes Konsumieren oder aktuell unreflektierter und dummer Fremdenhass im Internet. Immer wieder bekommt man die Realität ins Gesicht geklatscht, dass den meisten Menschen einfach jegliche Art von reflektiertem Denken fehlt und ein kritisches Hinterfragen findet man, auch bei jungen Kids, leider viel zu selten.

Die Cover-Fotografie stammt von Steven Siegel aus New York, welcher NYC in den 80’ern in all seinen Facetten fotografiert hat. Da wir alle von seiner Arbeit begeistert sind, wollten wir auch unbedingt ein Schnappschuss von ihm als Cover Fotografie. Das ausgewählte Bild passte dann für uns von den Vibes her perfekt zur Album Thematik und strahlt genau die Tiefe aus die wir uns für das Artwork gewünscht hatten.

Wenn man sich so die Infos unter dem neuen Lied „Virtues & Vices“ anschaut, sieht man – ok da hat jemand keine Mühe gescheut sowohl bei den Aufnahmen selbst, als auch beim Mischen, nur Profis ans Werk zu lassen.

Andy: Ja, das ist richtig. Wir sind absolute Perfektionisten und wollten an keiner Stelle zweite Klasse. Wir haben auch hauptsächlich mit Leuten zusammengearbeitet die wir gut kennen und bei denen wir wissen, dass sie uns verstehen und checken, wohin wir wollen. Deshalb war es für uns auch klar, wieder zu Aljoscha in die Pitchback Studios zu gehen, mit welchem wir bereits “True Justice” aufgenommen hatten. Da Aljoscha auch mehr Snapcase als Computer Metal hört, hat er dann genau gecheckt, was für Vibes wir mit dem Album transportieren wollen und die super im Sound umgesetzt.

Da du ja selbst noch bei Hollow Sons und Spirit Crusher spielst, wie liegen da deine Prioritäten? Ist Human Touch dein Hauptprojekt?

Andy: Das ist eine Frage, die ich so eigentlich nicht beantworten kann. Jede Band, in der ich spiele, ist mir gleichwertig wichtig und vom Feeling auch etwas ganz anderes. Selbstverständlich kann man eine Band wie Hollow Sons, mit Mitgliedern aus Deutschland, Italien und Österreich, nicht mit dem Aktivitätsgrad von Spirit Crusher und Human Touch vergleichen. Da ich jedoch in allen drei Bands verschiedene Rollen habe (bei Human Touch singe ich, bei Spirit Crusher spiele ich Gitarre und bei Hollow Sons Bass), sorgt das für mich als Musiker für die nötige Abwechslung und erfüllt mich auf andere Arten. So gesehen gibt es bei mir also keine Hauptprojekte oder Nebenprojekte. Alles passiert zu seiner Zeit und dann, wenn es richtig ist. Sollten sich dann doch mal Shows im Weg stehen, was zum Glück selten vorkommt, entscheide ich in der Regel ganz fair und stumpf nach dem „Wer zuerst kommt, malt zuerst“ Prinzip.

Begonnen habt ihr Human Touch ja mit einem anderen Drummer. Warum der Wechsel und wie läufts mit Phil, schreibt ihr schon neue Songs zusammen?

Andy: Genau, der erste Human Touch Drummer war Yannick. Der Wechsel war aus einem recht klassischen ‘when life gets in the way’-Grund: Job. Yannick hatte sich dazu entschieden einen Job außerhalb Deutschlands anzunehmen, was wir selbstverständlich alle supportet und respektiert haben. Das lief also alles recht unspektakulär und ohne böses Blut ab. Durch Simon von Nothings Left kamen wir dann nach einer längeren Suche zu Philipp von DONE , der bereits nach der ersten Probe super gepasst hat. Nach dem Album Release werden wir dann definitiv auch im Kollektiv an neuen Songs arbeiten. Zusammen im Proberaum kreativ sein war schon immer unser Style und wir ziehen das auch immer noch einer Homerecording / Email Variante vor.

Seit diesem Wechsel scheint es bei euch auch wieder so richtig rund in Sachen Shows zu laufen. Welche Erfahrungen habt ihr jetzt als „noch unbekanntere Band“ mit Größen wie Twitching Tongues, Disgrace und Guns Up!, mit denen ihr ja im Laufe dieses Jahres schon zusammen gespielt habt, gemacht? Oft wir gerade bei diesem – ich nenne es jetzt mal Unterschied – deutlich wie die ein oder andere Band sich mittlerweile eine freche „Rockstarattitüde“ angeeignet hat.

Andy: Ja, wir freuen uns, dass wir nun endlich wieder in der Lage sind Shows zu planen und zu spielen. Mit einem Fill-in Drummer war das Anfang des Jahres immer etwas schwierig. Alle Shows mit „größeren“ Bands der Szene waren absolut cool für uns und negative Erfahrungen haben wir eigentlich mit keiner der Bands gemacht. Ich denke, man darf auch auf keinen Fall eine etwas passivere Haltung mancher Bands die seit drei Wochen auf Tour und einfach nur am Sack sind mit einer hochnäsigen Attitüde verwechseln. Wer sich im Hardcore bewegt wird irgendwann gecheckt haben, dass es hier keinen Platz für Rockstarverhalten gibt, ansonsten bekommt man früher oder später die Quittung. Natürlich gibt es aber auch hier Arschlöcher und Ausnahmen von der Regel. Da gehören die oben genannten Bands aber absolut gar nicht dazu.

Am 27.11 ist die lang ersehnte Releaseshow für „Mental Chill“ in Mannheim. Zusammen mit AYS, Tausend Löwen unter Feinden, Hollow Sons und Storyteller läuft das ganze zusätzlich noch unter dem Namen von „ 15 Jahre Let it Burn Records“. Auch ihr seid Teil der Let it Burn Familie, was vermutlich daran liegt, dass du selbst bei Let it Burn Records mitarbeitest. Ist das Ganze eher Fluch oder Segen? Gemeint ist hier die anfallende Arbeit/Planung, die ein Label ja sonst für die Band übernimmt. Was überwiegt hier? Die Freiheit selbst bei solchen Dingen mitmischen zu dürfen, oder der zusätzliche Stress den ganzen Kram auch noch für die eigene Band zu erledigen?

Andy: Jepp, die Show wird der absolute Knaller und wir freuen uns auch schon riesig darauf zusammen mit der Let it Burn Family unser Album Release zu feiern. Auf Let it Burn Records zu releasen war, unabhängig davon, dass ich das Label mit betreibe, definitiv unser Plan A. Vier von uns haben bereits in der Vergangenheit nur positive Erfahrungen mit dem Label gemacht, weshalb wir auch bei dem ersten Album wieder auf der sicheren Seite sein wollten und uns für eine Zusammenarbeit mit Let it Burn entschieden haben.

Meine Rolle bei Let it Burn trenne ich hierbei jedoch ganz klar von meiner Rolle in der Band. So haben wir als Band ein gleiches Agreement mit dem Label wie es andere Bands unserer Größe auch bekommen. Für mich fiel bei dem Albumprozess dann selbstverständlich mehr Arbeit an, wie wenn wir das Album auf einem anderen Label veröffentlicht hätten. Doch auch hier ziehe ich eine klare Trennlinie. Ich mache als Andy Let it Burn für Human Touch die gleiche Arbeit, die ich zum Beispiel auch für das neue Tausend Löwen Unter Feinden Album gemacht habe. Nicht mehr und nicht weniger. Ich denke, der einzige Vorteil ist aber definitiv, dass man mehr Kontrolle über sein eigenes Release hat. Man hat dadurch automatisch die maximale Transparenz und kann in Eigenregie alles ohne viel Umwege steuern und planen.

Ihr gönnt uns und der Welt heute den zweiten Song der neuen Platte, der mit diesem Interview exklusiv “released” wird. Empower heißt das gute Stück und ich habe natürlich vorab schon mal reingehört. Für mich ist der Song ein echter Allrounder. Nicht so hart wie “Virtues & Vices”, dem vorab veröffentlichten Song, weniger Mosh, dafür eine eingängige Melodie und mit allem drin, was man sich live so wünscht. Die Lyrics des Songs scheinen vorranglich Kritik an der Kirche und dementsprechenden Vertretern auszuüben. Das ganze “Anti-Kirche” Thema klingt erstmal abgedroschen, aber so wie sich das anhört, erzählst du uns da nicht den 0815 “ Ich mach das, weil Kirche scheiße finden rebellisch wirkt” Kram, sondern Zeug, was dich ernsthaft beschäftigt. Wovon wird uns die Platte noch so erzählen? Liebe?

Andy: Cool! Freut mich, dass dir der Track gefällt. Empower ist definitiv auch einer unserer Favoriten und ich bin gespannt, wie die Reaktionen ausfallen. Der Song beschäftigt sich mit dem blinden Vertrauen auf eine Religion und einem daraus resultierenden Fanatismus, welcher in unreflektierter Gewalt münden kann. Die Menschen, die sich dann jedoch letztendlich die Hände schmutzig machen sind nur verblendete Marionetten, während andere ein Wachstum an Macht erfahren. Aktuell bekommt man das traurigerweise erneut durch die IS-Verbrechen vorgelebt.

Das Album dreht sich um viele Facetten einer solchen menschlichen Ignoranz und Destruktivität. Der Song “High Clouds” beschäftigt sich beispielsweise mit dem Middle Class-Blick von oben herab auf Obdachlose und Menschen, die in Armut leben. Diese werden oftmals als etwas Fremdes betrachtet, als jemand mit dem man nichts zu tun haben will und ihr Fall wird als selbst-verschuldet abgestempelt. Nur um sich selbst besser zu fühlen und sich nicht mit dem Leid anderer Menschen befassen zu müssen.

Um dem Ganzen jetzt mal ein Ende zu geben, und den Leuten nicht die komplette Vorfreude auf die Platte zu nehmen, bedanke ich mich recht herzlich bei dir für deine Zeit, Andy! Ich freue mich auf die Releaseshow und bin gespannt auf das, was wir in Zukunft noch von euch erwarten dürfen. Die letzten Worte gehören dir!

Vielen Dank für das coole Interview! An die Leute, die das hier lesen: Supportet weiterhin das Between the Lines Zine und Zine Kultur im Allgemeinen. Geht auf das nächste Between the Lines Fest und unterstützt coole Typen die etwas Gutes auf die Beine stellen. Wir sehen uns auf einer Show!


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